Drei der führenden europäischen Stahlhersteller – ArcelorMittal Europe, thyssenkrupp Steel und voestalpine – riefen am 17. Juni 2026 in einem gemeinsamen Appell zu einer dringenden und pragmatischen Reform des EU-Emissionshandelssystems (EU-ETS) auf. Die Unternehmen warnen, dass der derzeitige Kurs ohne Anpassungen die industrielle Basis Europas zu zerstören droht.
In einem in der Financial Times veröffentlichten Beitrag legt Lakshmi Mittal, Executive Chairman von ArcelorMittal, die gemeinsame Position der Stahlhersteller dar. Mittal zeigt auf, wie das EU-ETS reformiert werden muss, um die europäische Stahlindustrie und von ihr belieferte Branchen zu schützen.
Zusammen machen die drei Unternehmen rund 60 % der integrierten Stahlproduktion in Europa aus und stehen damit im Zentrum industrieller Wertschöpfungsketten der EU. Alle drei haben sich zur Dekarbonisierung ihrer Produktion verpflichtet, betonten jedoch, dass der politische Rahmen die Transformation ermöglichen müsse und nicht behindern dürfe.
Steigende ETS-Kosten ohne entsprechende Fördermaßnahmen
ArcelorMittal, thyssenkrupp Steel und voestalpine stellen fest, dass das ETS zwar zu Emissionsminderungen im Energiesektor geführt hat (um etwa 49 % zwischen 2005 und 2023), jedoch noch keinen tragfähigen Weg für energieintensive Industrien wie die Stahlindustrie bietet. Wichtige Voraussetzungen für eine wirtschaftliche Dekarbonisierung sind nach wie vor unzureichend entwickelt oder nicht in großem Maßstab verfügbar. Dazu zählen wettbewerbsfähige Strompreise, erschwinglicher grüner Wasserstoff, Klimaschutzverträge (Carbon Contracts for Difference), CO₂-Abscheidung und -Speicherung sowie Leitmärkte für emissionsarmen Stahl.
Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen des EU-ETS werden die Kosten für die Stahlproduktion in der EU bis Anfang der 2030er Jahre voraussichtlich um rund 50 % steigen. Da stahlintensive Importe keinen entsprechenden CO₂-Kosten unterliegen und EU-Stahlexporte keine Erstattung zur Deckung der CO₂-Kosten erhalten, wird der starke Anstieg der ETS-Kosten tiefgreifende Auswirkungen auf die europäische Stahlprodukon und die gesamte Wertschöpfungskette haben.
Eine Gefahr für das Rückgrat der europäischen Fertigungsindustrie
Die drei Unternehmen schätzen, dass die EU ohne Reformen des EU-ETS mit einem Rückgang der stahlintensiven Produktionstätigkeit um 30–40 % rechnen muss, wodurch bis zu 5 Millionen Arbeitsplätze entlang der gesamten Wertschöpfungskette gefährdet wären.
Ein solches Ergebnis würde dem im „Industrial Accelerator Act“ festgelegten Ziel der EU zuwiderlaufen, den Anteil des verarbeitenden Gewerbes am BIP auf 20 % zu steigern, und würde die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit Europas in einer Zeit sich verschärfenden globalen Wettbewerbs erheblich schwächen.
Kostensteigerungen im ETS aussetzen, bis die Dekarbonisierung wirtschaftlich tragbar ist
ArcelorMittal, thyssenkrupp Steel und voestalpine betonen, dass sie die Klimaziele Europas uneingeschränkt unterstützen und eine Dekarbonisierung anstreben. Das ETS muss jedoch an die Realitäten des industriellen Wandels angepasst werden.
Die Unternehmen fordern gemeinsam:
• Eine vorübergehende Aussetzung der Kostensteigerungen im ETS, wobei das derzeitige Niveau beibehalten wird, bis die wesentlichen Voraussetzungen für eine wirtschaftlich tragfähige Dekarbonisierung geschaffen sind.
• Einen Rahmen, der sicherstellt, dass Vorreiter („First Mover“) unterstützt werden, damit frühe Dekarbonisierungsprojekte weiterhin vorangetrieben werden können. Die ETS-Einnahmen sollten in die industrielle Dekarbonisierung reinvestiert werden, um sicherzustellen, dass die Mittel den Übergang beschleunigen.
• Einen ausgewogenen Ansatz für die Wettbewerbsfähigkeit im Import- und Exportbereich, der die unbeabsichtigten Folgen des derzeitigen Systems berücksichtigt.
Die kürzlich erfolgte Einführung des CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) und die bevorstehenden Zollkontingente sind wichtige Schritte hin zu faireren Wettbewerbsbedingungen. Die Unternehmen betonen jedoch, dass die Reform des EU-ETS das letzte erforderliche Puzzleteil ist, um sicherzustellen, dass Europa sowohl dekarbonisieren als auch eine starke industrielle Basis aufrechterhalten kann.
Marie Jaroni, CEO von thyssenkrupp Steel, sagte:
„Das ETS braucht einen Realitätscheck. Es reflektiert nicht die industrielle Gegenwart Europas, in der Wettbewerbsfähigkeit und Transformation immer weniger vereinbar sind. Deshalb brauchen wir beim ETS eine Kostenpause, um die Transformation abzusichern und „First Mover“ wie uns nicht zu benachteiligen. Die Reform muss dazu beitragen, Klimaschutz und industrielle Entwicklung für die Zukunft Europas erfolgreich zusammenzubringen.“
Herbert Eibensteiner, Vorstandsvorsitzender der voestalpine AG, sagte:
„voestalpine trägt im Rahme des greentec steel-Programms erhebliche Investitionen und wird die Emissionen in den kommenden Jahren deutlich reduzieren. In einem herausfordernden wirtschaftlichen Umfeld führt jedoch der schrittweise Wegfall der freien Zuteilung bereits dazu, dass finanzielle Mittel, die für die entscheidende Phase der Transformation benötigt werden, gebunden werden. Eine Aussetzung im ETS-Rahmen, bis die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen sind, ist entscheidend, um diese Investitionen abzusichern und weitere Dekarbonisierungsschritte zu ermöglichen.
Lakshmi Mittal, Executive Chairman von ArcelorMittal, sagte:
„Es muss eine Zukunft für das ETS gefunden werden, die Anreize für die Dekarbonisierung schafft, ohne die Wettbewerbsfähigkeit zu beeinträchtigen. Das ist kein leicht zu lösendes Problem, aber eine Reform des ETS ist unerlässlich, und wir begrüßen es, dass die politischen Entscheidungsträger Europas das Thema wieder auf die Tagesordnung gesetzt haben. Die Entscheidung, vor der sie stehen, ist nicht die zwischen Klimazielen und Wettbewerbsfähigkeit. Die Entscheidung ist die zwischen einer Klimastrategie, die Europas Widerstandsfähigkeit und wirtschaftliche Sicherheit stärkt, und einer, die diese untergräbt.“
(Quelle: ArcelorMittal / thyssenkrupp Steel / voestalpine)