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Panorama
Der Nordseehafen von Tata Steel IJmuiden - Foto: Tata Steel
01.06.2019

Küstenhüttenwerke – Aspekte ihrer Entwicklung

ARTIKEL DES MONATS

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Stahl + Technik

Aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums des Stahlstandorts IJmuiden hat der Historisch-technologische Dialog, hervorgegangen aus dem ehemaligen Geschichtsausschuss des Stahlinstituts VDEh, am 11. und 12. April eine Tagung in IJmuiden zum Thema Küstenhüttenwerke durchgeführt. Nach Empfang durch Luc Bol, Managing Director Tata Steel IJmuiden, hörten die 50 internationalen Teilnehmer zehn Referate über „Küstenhüttenwerke – Aspekte ihrer Entwicklung“. Das Programm beinhaltete auch eine Tour über das Tata-Steel-Gelände mit einem Stopp bei der Hisarna-Versuchsanlage.

Der komplette Beitrag ist erschienen in der Ausgabe STAHL + TECHNIK 1 (2019) Nr. 6/7, S. 151 ff.

Auf Anregung von Manfred Rasch hat der Historisch-technologische Dialog die Entstehung der Küstenhüttenwerke untersucht. Erste Küstenhüttenwerke entstanden in ganz Europa gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Sie waren nicht mehr den Lagerstätten für Eisenerz oder Kohle geschuldet, sondern eine Umsetzung des Thünenschen Lagemodells (1826), das erstmals Rohstoffe und Absatzmärkte in Korrelation setzte und nun erfolgreich auf die Eisen- und Stahlindustrie übertragen wurde. Die Tagung sollte die unterschiedlichen politischen und ökonomischen Entstehungsfaktoren sowie unternehmerische Entscheidungen einzelner Hüttenstandorte beleuchten und im Verlauf der Zeit betrachten.

Mit einem Bericht über die Historie des Stahlstandorts IJmuiden, heute Tata Steel Europe, eröffnete Gerard Tijhuis, einer der beiden Organisatoren vor Ort, die Reihe von Referaten. Die niederländische Rohstahlindustrie war durch Stahlmangel im Ersten Weltkrieg entstanden, als England und Deutschland kriegsbedingt als Lieferanten ausfielen. Eine Gruppe Industrieller und Bankiers initiierte den Bau eines eigenen Stahlwerks in Holland. Die Tiefseeanbindung in ­IJmuiden war ein Grund für den Standort, andere die Stabilität der Böden und der billige Bodenpreis der damals noch agrarischen Gegend. Außerdem gab die Stadt Amsterdam einen Millionenbetrag unter der Bedingung, in IJmuiden anstatt in Rotterdam zu bauen.

Der oberschlesische Montanindustrielle Guido Graf Henckel Fürst von Donnersmarck (1830–1916) sah ebenfalls den Vorteil der Lage von Hüttenwerken am tiefen Wasser, konnten doch Rohstoffe, vor allem Eisenerz,  kostengünstiger mit Schiffen transportiert werden als per Bahn nach Oberschlesien. Das Referat von Manfred Rasch  über das Eisenwerk Kraft behandelte Deutschlands erstes Küstenhüttenwerk, errichtet 1895 bis 1897 an der Mündung der Oder bei Stettin. Henckel von Donnersmarck sah nicht nur den logistischen Vorteil bei der Verwertung von Eisen, sondern vor allem in der Gewinnung der Beiprodukte der Eisenproduktion (Schlacke zu Zement, Koksgas zur Verstromung). Er bekämpfte damit das Eisenkartell am Rhein, den sogenannten Roheisen-Verband, weshalb er später die Niederrheinische Hütte in Duisburg kaufte.

Denselben Grund sah man in den USA, um in der Nähe von Baltimore das Stahlwerk Sparrows Point zu bauen, wie Johan van Ikelen, der andere niederländische Organisator der Tagung, berichtete. Zunächst mit Erzen aus Kuba versorgt, wurde Sparrows Point schnell ausgebaut und der größte amerikanische Stahlhersteller kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, aber nach der Stahlkrise in den 1970er-Jahren ging es mit dem Unternehmen bergab. Fünf Eigentumswechsel in den letzten zehn Jahren und eine schlechte Betriebsführung waren der Todesstoß für das Werk, das 2015 abgerissen und zum Hafengelände umgebaut wurde.

Über ein einzelnes Küstenwerk hinausgehend berichtete Jacques Maas, Luxemburg, über die Gründung der Sidmar, Gent, in den 1960er-Jahren durch die luxemburgische Arbed und die Auswirkungen auf die belgische und luxemburgische Stahlindustrie, wobei die ersten Planungen sogar bis in die 1920er-Jahre zurückreichen. Dagegen war die Hohenzollernhütte in Emden ein reines Spekulationsobjekt in Preußens einzigem Nordseehafen, wie Olaf Schmidt-Rutsch darstellte. Die Hütte war der Katalysator für den Ausbau des westdeutschen Kanalnetzes. Bis 1914 verfügten nahezu alle wichtigen Hüttenwerke des Ruhrgebiets über einen Wasserstraßenanschluss. Das Werk in Emden verlor dadurch seine Berechtigung. Nach der Stilllegung 1937 wurde das Gelände an die Kriegsmarine verkauft und nach dem Zweiten Weltkrieg zum Ölhafen umgebaut.

Prof. Volodymyr Shatokha, Gast von der ukrainischen National Metallurgical ­Academy, Dnipro, berichtete über das ukrainische Stahlwerk in Mariupol von der Gründung bis heute, wobei er auch den Krieg in der Ostukraine nicht unerwähnt ließ. Gestartet mithilfe US-amerikanischer und belgischer Investitionen um 1896−1898, wurde Mariupol der Standort der modernsten Stahlbetriebe im zaristischen Russland. Die heutigen Entwicklungen rund um die Krim und der Brückenbau durch Russland über die Straße von Kertsch zur Krim lassen die Zukunft schwierig erscheinen.

Vonseiten des Unternehmens thyssenkrupp berichtete Andreas Zilt über zwei der vier Versuche der Firma Thyssen in den 1970er-Jahren, auf verschiedenen Kontinenten einen Standort am Tiefwasser zu etablieren: Aktivitäten, die schon damals nicht zum Erfolg führten. Auch das jüngste Bauprojekt von thyssenkrupp Steel ­Europe in Brasilien, der Bau des Hüttenwerkes CSA in Santa Cruz, lässt sich wie ein Abenteuerroman lesen, wie der am Bau beteiligte Friedrich-Wilhelm Schaefer mit vielen Fotos aus seinen eigenen Erfahrungen schilderte. Auch hier war der Grund für die Standortwahl der Transportweg von Kohlen und Produkten. Die Erze aus dem brasilianischen Hinterland transportierte die Bahn.

Bei Redcar in Großbritannien, in der Nähe von Middlesbrough, war man vom Ursprung her nicht küstengebunden, da Eisenerz und Kohlen in der Nähe gefunden wurden, wodurch man im 18. Jahrhundert hier bis zu 100 Hochöfen erbaute, wie Johan van Ikelen für den verhinderten Jan von der Stel darlegte. Von diesen steht heutzutage nur noch einer, der aber nicht mehr produziert und vielleicht nur eine Zukunft als Touristenattraktion hat.

Mit einem Referat von Burkhard ­Zeppenfeld über den frühen Technologietransfer von Deutschland nach Japan wurde das Vortragsprogramm auf Asien ausgedehnt. Deutsche Ingenieure der Gutehoffnungshütte Oberhausen errichteten das erste moderne Hüttenwerk Japans  in Yawata, in Betrieb genommen 1901. Beim Abendessen berichtete Johan van Ikelen über die IJmond und ihre spezielle Position in den Dünen, hinter denen das niederländische Polderland beginnt. Dort befand sich früher eine schmale Stelle im Dünenstreifen, wo hinter einem Binnensee die IJ begann, die eine offene Verbindung zwischen Amsterdam und der damaligen Zuiderzee bildete. Die Segelschiffe des 17. und 18. Jahrhunderts segelten rund um Texel und durch die Zuiderzee, heute das IJsselmeer, nach Amsterdam. Als die Schiffe größer und mit Dampfantrieb betrieben wurden, wurde es aufgrund von Untiefen schwierig, Amsterdam zu erreichen. Um die Verbindung zwischen dem Hafen von Amsterdam und der Nordsee zu verbessern, wurde 1824 der Noordhollandsch Kanaal zwischen Amsterdam und Den Helder in Betrieb genommen. Dieser Kanal entsprach schon bald nicht mehr den Anforderungen des wachsenden Schiffsverkehrs. Ab etwa 1848 begann die Suche nach Alternativen zum Noordhollandsch Kanaal.

Im Jahr 1852 ergriff die Stadt Amsterdam die Initiative für ein Komitee, das die Aufgabe hatte, alle Möglichkeiten eines Kanals von der IJ durch die Dünen bis zur Nordsee zu untersuchen, was immerhin die kürzeste Verbindung war. Dieser Plan sah vor, diesen durch die Dünen bei Velsen oder an der engsten Stelle Hollands („Holland an seiner engsten“) zu graben. So entstand der Nordseekanal. Und ­IJmuiden wurde benannt als der Mund der IJ: IJ Mund oder IJmuiden.

Die Gegend war aber auch Militärgebiet. Schlösser rund herum erinnern an die Zeit, als die Grafen von Holland die Westfriesen beherrschten. Später im Jahr 1799 gab es eine britisch-russische Expedition nach Nordholland, um die Niederlande von den Franzosen Napoleons zurückzuerobern. In den Jahren 1880 bis 1920 bauten die Niederlande einen Festungsring um Amsterdam, um Angreifer auf Distanz zu halten. Dieser lag 15 bis 20 km um das Zentrum herum. Die Verteidigungslinie ist 135 km lang, enthält 45 Forts, die einen zwischen 1880 und 1920 errichteten Landring bewachten, der im Bedarfsfall unter Wasser gesetzt werden konnte. Die Stellung wurde seit 1996 von der Unesco in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. An der Mündung des Nordseekanals befand sich eine große Küstenfestung.

Zaanse Schans, Cruquius Museum und Teylers Museum

Der zweite Tag war der Industriegeschichte der Region gewidmet und begann mit einem Rundgang über die Zaanse Schans, die im 17. Jahrhundert der Mittelpunkt der holländischen Industrie mit Windmühlen aller Arten als Antrieb war. In diesem Gebiet arbeiteten im „goldenen Jahrhundert Hollands“ mehr als tausend Mühlen, um Holz zu sägen, Farbe herzustellen, Öl zu pressen usw.

Danach ging es zum heutigen Cruquius Museum, einem 1849 errichteten Pumpwerk, wo die damals größte Dampfmaschine der Welt besichtigt werden kann, die mitgeholfen hat, das Haarlemmermeer trockenzulegen. Das ist das Gebiet, in dem sich heute auch der Flughafen Schiphol befindet und das rd. 4 m unter dem Meeresspiegel liegt. Anstatt mit 166 Windmühlen wurde mithilfe von nur drei ­Pumpstationen das Haarlemmermeer trockengelegt. Jede Pumpstation wurde nach einem berühmten niederländischen Hydraulikingenieur benannt: Leeghwater, Cruquius und Lynden. Ein weiterer Fortschritt der Technik auf dem Weg ins Industriezeitalter.

Die Entwicklung von Technik und Wissenschaft zeigt allgemein das Teylers Museum in Haarlem. Es ist nach seinem Stifter Pieter Teyler van der Hulst (1702–1778) benannt, einem wohlhabenden Haarlemer Seidenhersteller und Bankier. Er lebte in der Zeit der Aufklärung und interessierte sich sehr für Kunst und Wissenschaft. Das Teylers Museum ist heutzutage das am besten erhaltene öffentliche Wissensinstitut für Kunst und Wissenschaft der Welt aus dem 18. Jahrhundert. Schon seit  1784 steht es dem Publikum offen, um Gemälde und Zeichnungen berühmter Meister, wunderschöne Mineralien, geniale Instrumente, wertvolle Bücher und antike Fossilien anzuschauen.

Die Innenarchitektur des Museums aus der Bauzeit mit seinem einzigartigen Schmuckstück „Oval Room“ ist eine Touristenattraktion ersten Ranges. Nirgendwo sonst auf der Welt kann man ein authentisches Museum aus dem 18. Jahrhundert sehen, in dem z.B. der weltweit größte elektrostatische Generator des 18. Jahrhunderts entdeckt werden kann.

Hisarna-Versuchsanlage

Bei einer Tour über das Hüttengelände besichtigte die Gruppe auch die ­Hisarna-Versuchsanlage in IJmuiden. Die Hisarna-Technologie wurde bei Tata Steel in IJmuiden entwickelt und soll künftig eine Stahlproduktion mit mindestens 20 % weniger CO2-Emissionen ermöglichen. Hisarna kann den Hochofenprozess ersetzen. Um Flüssigeisen in einem Hochofen zu erzeugen, müssen Eisenerz und Hüttenkohle (als Rohstoffe) im Vorfeld zu Koks, Sinter oder Pellets verarbeitet werden. Der Hisarna-Prozess macht diesen Schritt überflüssig.

Die Rohstoffe können als Pulver in den Prozess eingespeist und so direkt in Flüssigeisen umgewandelt werden. Kann Hisarna auf Industriemaßstab hochskaliert werden, ist künftig eine Stahlproduktion mit einer 20 % besseren CO2-­Bilanz möglich. Mithilfe der CCS-­Technologie zur CO2-Abscheidung und -speicherung können die Emissionen sogar um 80 % reduziert werden.

Johan van Ikelen, Hoogovens Museum, IJmuiden