Wirtschaft
Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl - Photo: Wirtschaftsvereinigung Stahl
22.01.2026

Jahresbilanz der Stahlproduktion 2025

Die Stahlproduktion in Deutschland ist 2025 deutlich eingebrochen. Mit 34,1 Millionen Tonnen lag die Rohstahlerzeugung rund 9 Prozent unter dem ohnehin sehr niedrigen Vorjahresniveau. Einen ähnlich niedrigen Wert gab es seit der deutschen Wiedervereinigung nur während der weltweiten Finanzkrise 2009. Zugleich fiel die Kapazitätsauslastung auf unter 70 Prozent – ein kritischer Wert für die energieintensive Stahlindustrie.

Bereits zum vierten Mal in Folge blieb die Produktion deutlich unter der Marke von 40 Millionen Tonnen, die als Schwelle für eine auskömmliche Kapazitätsauslastung gilt. Seit 2018 wurde diese Grenze insgesamt sechsmal unterschritten. Die Branche verharrt damit auf Rezessionsniveau.

Auch die Stahlnachfrage auf dem deutschen Markt fiel 2025 nach vorläufigen Daten bis Oktober außergewöhnlich schwach aus: Mit auf das Jahr hochgerechneten rund 30 Millionen Tonnen lag auch die Marktversorgung nochmals unter dem schon niedrigen Durchschnitt der vergangenen vier Jahre.

Für Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl, sind die Einbrüche bei Stahlproduktion und -nachfrage die Konsequenz struktureller Belastungen:
„Für die Branche kommt derzeit vieles zusammen: eine historisch schwache Nachfrage, ein ungebremst wachsender Importdruck und international nicht wettbewerbsfähige Energiepreise. Die Bundesregierung und die EU-Kommission haben im letzten Jahr zwar begonnen, endlich gegenzusteuern – aber umgesetzt ist noch lange nichts. Hier müssen Druck und Tempo hochgehalten werden – insbesondere angesichts der sich weiter verschärfenden geopolitischen Lage. Das Jahr 2026 muss das Jahr der Standortsicherung werden!“

Importdruck nimmt weiter zu: EU-Schutzinstrument dringend erforderlich

Besonders alarmierend ist die Entwicklung im Stahlaußenhandel. Inzwischen stammt rund jede dritte in der EU eingesetzte Tonne Stahl aus dem Nicht-EU-Ausland. Globale Überkapazitäten – insbesondere in Asien – sowie die immer aggressivere und unberechenbarere US-Zollpolitik verschärfen die Lage weiter.

„Unter diesen Bedingungen wird sich die Stahlkonjunktur auch 2026 kaum erholen können“, warnt die Hauptgeschäftsführerin. „Damit der Importdruck auf den europäischen Markt begrenzt wird, muss der gute Vorschlag der EU-Kommission für ein hochwirksames Schutzinstrument jetzt zügig und konsequent umgesetzt werden. Die Branche kann sich keine weitere Verzögerung leisten.“

Energiekostenthema bleibt zentrale Standortfrage Angesichts der angespannten Lage sieht Rippel klare politische Handlungsimperative:
„Der Kanzler-Stahlgipfel und der Mittelstandsgipfel Ende vergangenen Jahres haben gezeigt, dass die Herausforderungen erkannt sind. Jetzt müssen daraus konkrete regulatorische Umsetzungsakte entstehen.“

Neben wirksamem Außenhandelsschutz bleibt vor allem die Energiefrage zentral.

„Die derzeit nicht wettbewerbsfähigen Strompreise sind eine hohe Belastung und zugleich ein zentraler Hemmschuh für den Umbau der gesamten Stahlindustrie zur Klimaneutralität“, so die Verbandschefin, die die laufenden Anstrengungen der Bundesregierung ausdrücklich begrüßt.

„Mittelfristiges Ziel muss allerdings ein international wettbewerbsfähiger Strompreis für die Industrie von 3 bis 6 Cent pro Kilowattstunde sein – all in, also inklusive Netzentgelte, Abgaben und Umlagen.“

Zentrale Schritte auf dem Weg dorthin seien die dauerhafte Senkung der Netzentgelte, die uneingeschränkte Fortführung der Strompreiskompensation sowie die Möglichkeit, Industriestrompreis und Strompreiskompensation kombiniert anwenden zu können.

Die Zukunft liegt in Märkten für emissionsarmen Stahl aus der EU

Als zentrale Chance für neue Konjunkturimpulse sieht die Wirtschaftsvereinigung Stahl den gezielten Aufbau von Leitmärkten für zunehmend emissionsarmen Stahl Made in EU. Auf nationaler Ebene liege dabei der entscheidende Hebel in der laufenden Reform des Vergaberechts.

„Bei öffentlichen Investitionen muss der Einsatz zunehmend emissionsarmer Grundstoffe verbindlich verankert werden. Die Vergaberechtsreform auf nationaler Ebene muss dafür den notwendigen Rahmen schaffen. Um die Nachfrage nach klimafreundlichem Stahl gezielt zu stärken und wirksame Konjunkturimpulse auszulösen, braucht es zudem EU-Content-Regeln, die in Brüssel festgelegt werden müssen“, erläutert Rippel.

Gerade der dort aktuell erwartete Industrial Accelerator Act biete die Chance, die Nachfrage in den stahlverwendenden Branchen gezielt anzureizen: „Denn Leitmärkte entstehen dort, wo emissionsarmer Stahl verlässlich abgenommen wird.“

(Quelle: Wirtschaftsvereinigung Stahl)

Schlagworte

AsienBundDeutschlandEnergieEntwicklungEUEU-KommissionHandelIndustrieINGInvestitionKIKlimaPolitikProduktionStahlStahlerzeugungStahlindustrieStahlproduktionUSAWettbewerbWirtschaftWirtschaftsvereinigung

Verwandte Artikel

Dr. Tim M. Schwarz erhält einen DGM-Nachwuchspreis 2026 für seine Arbeiten zur atomgenauen Untersuchung von flüssig-fest Grenzflächen und Flüssigkeiten. Diese sind unter anderem für biologische, Batterie- und Katalysatormaterialien relevant. Überreicht wurde ihm der Preis von Prof. Gunther Eggeler (links) und Prof. Till Schneiders, Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Materialkunde (DGM).
01.10.2026

Deutsche Gesellschaft für Materialkunde zeichnet Tilmann Hickel und Tim Schwarz aus

Max-Planck-Wissenschaftler erhalten DGM-Pionier- und DGM-Nachwuchspreis 2026

ABB Auszeichnung Automatisierung Bund Digitalisierung Eisenforschung Entwicklung Essen EU Forschung Gesellschaft HZ IMU Industrie ING Legierungen Materialforschung Max-Planck-Institut Nachwuchs Optimierung Stahl Strategie Studie USA Wasserstoff Werkstoff Werkstoffe
Mehr erfahren
30.09.2026

thyssenkrupp Steel: Verselbstständigung der Sparte bleibt Ziel

Das Unternehmen hat über den Stand der Neuaufstellung informiert und seine Strategie sowie mittelfristige Finanzziele vorgestellt. Es will seine Profitabilität steigern u...

Anlagen Direktreduktion Duisburg Energie Entwicklung Ergebnis EU Europa Flachstahl Handel HKM HZ Industrie Investition Lieferung Modernisierung Produktion Restrukturierung Sanierung Stahl Stahlanwendung Stahlindustrie Stahlmarkt Stahlproduktion Stahlunternehmen Strategie Thyssen thyssenkrupp Thyssenkrupp AG Thyssenkrupp Steel Europe Transformation Unternehmen USA Wettbewerb Wettbewerbsfähigkeit
Mehr erfahren
Starkes Bekenntnis zur Transformation: Bundeskanzler Friedrich Merz, Ministerpräsidentin Anke Rehlinger und Wirtschaftsminister Jürgen Barke mit der SHS – Geschäftsführung. Als Geschenk für die Gäste gab es die Transformation im Mini-Format: ein Modell der Direktreduktionsanlage und eines Elektrolichtbogenofens
30.09.2026

SHS treibt Transformation mit Power4Steel und Y-SIC voran

Bundeskanzler Friedrich Merz und Ministerpräsidentin Anke Rehlinger zu Gast in Dillingen – internationales Vorzeigeprojekt Power4Steel geht in die nächste Phase – Y-SIC e...

Anlagen Bund CO2 Dekarbonisierung Deutschland Dillinger Direktreduktion Energie EU Europa Finanzierung Handel HZ Industrie ING Innovation Investition Klima Lieferketten Nachhaltigkeit Produktion Pulver Saarland Saarstahl Stahl Stahlindustrie Stahlproduktion Technik Transformation Umwelt Unternehmen USA Vorstand Werkstoff Wettbewerb Wirtschaft Zukunftstechnologie
Mehr erfahren
Laborversuch im 1-kg-Maßstab
29.09.2026

Outokumpu stellt EvoMaterials vor

Proprietäre Technologieplattform für die Herstellung CO₂-armer hochangereicherter Metalle – auf dem Weg zur Pilotproduktion

Bund Chrom DSV Emissionen Entwicklung EU Europa Forschung HZ Industrie ING Innovation KI Klima Legierungen Lieferketten Outokumpu Patent Produktion Projektmanagement Unternehmen USA Vereinbarung Verteidigung Vorstand Werkstoff Werkstoffe Wettbewerb Wirtschaft
Mehr erfahren
Marc- Oliver Arnold
29.09.2026

Marc- Oliver Arnold neuer Vorsitzender des Stahlinstituts VDEh

Marc- Oliver Arnold (58), Sprecher der Geschäftsführung der Georgsmarienhütte GmbH, wird neuer Vorstandsvorsitzender des Stahlinstituts VDEh.

Deutschland DSV EU Georgsmarienhütte Geschäftsführung GMH Industrie ING Klima Marienhütte Metallurgie Produktion RWTH RWTH Aachen Stahl Stahlindustrie Stahlproduktion Studie Technik Transformation VDEh Vorstand Werkstoff Werkstofftechnik
Mehr erfahren