Wirtschaft
Noch immer einer der größten und modernsten Hochöfen: „Schwelgern 1“ (r.) von thyssenkrupp Steel feiert seinen 50. Geburtstag. 2021 ist der Hochofen noch einmal auf den neusten Stand der Technik gebracht worden und seitdem auf seiner sechsten „Ofenreise“. - Photo: thyssenkrupp Steel
06.02.2023

50 Jahre Hochofen „Schwelgern 1“

Er war der größte seiner Art in der westlichen Welt, als er vor 50 Jahren seine erste „Reise“ antrat: der Hochofen „Schwelgern 1“ in Duisburg, den die damalige August-Thyssen-Hütte am 6. Februar 1973 feierlich in Betrieb nahm. Die Thyssen-Flagge wehte an diesem Februartag auf der Gicht, und mehr als 500 geladene Gäste aus Wirtschaft und Politik bestaunten den „schwarzen Riesen“, der mit einer Kapazität von 10.000 Tonnen Roheisen pro Tag heute immer noch zu den größten Hochöfen der Welt zählt und mit seiner 110 Meter hohen Silhouette das Gesicht von Duisburg-Marxloh prägt.

Der Bundeskanzler hieß Willy Brandt, es war das Jahr der Watergate-Affäre und der ersten Ölkrise, als „Schwelgern 1“ seine Arbeit aufnahm. Der Großhochofen setzte auf einer Fläche von 25 Fußballfeldern mit einem Gestelldurchmesser von 14 Metern und einem Volumen von 4.200 Kubikmetern neue Maßstäbe in Sachen Größe und Leistungsfähigkeit. Mehr als 70.000 Kubikmeter Beton und 38.000 Tonnen Stahl wurden im Hochofen verbaut – fast so viel, wie für vier Rheinbrücken nötig gewesen wären. Im Betrieb benötigt die Anlage täglich rund 20.000 Tonnen Erz, Sinter, Koks und Kohle – den Inhalt von 20 Güterzügen mit ebenso vielen Waggons.

Ein besonderes Augenmerk lag schon damals auf dem Umweltschutz. Ein Stab von mehr als 50 Chemikern und Konstrukteuren arbeitete am Ziel eines „blauen Himmels über Hamborn“. Obwohl auf die Anlagen für den Umweltschutz seinerzeit gut 15 Prozent der gesamten Baukosten entfielen, etwa zur Gasreinigung, zur Wasseraufbereitung und für den Schallschutz, sorgte „Schwelgern 1“ bei den Anwohnern anfangs für Unmut: Den „blauen Himmel über Hamborn“ sahen diese nur noch selten. Stattdessen klagten sie schon Tage nach dem ersten Anblasen über Krach, Staub und Gerüche – Probleme, die Thyssen jedoch mit Nachrüstungen in den Griff bekam. Seitdem wurde immer wieder massiv in die Verbesserung des Umweltschutzes, insbesondere in die Entstaubung, investiert. Und seit 2020 emittiert der Koloss dank eines innovativen Verfahrens, bei dem zusätzlich Sauerstoff eingeblasen wird, auch weniger Kohlendioxid als zuvor.

Dass der Hochofen „Schwelgern 1“ mehr als 50 Jahre laufen würde, konnte 1973 noch niemand ahnen.

Trotzdem bewies der damalige Hüttendirektor Dr. Hermann Brandi bei der feierlichen Einweihung erstaunlichen Weitblick. „Wir als Eisenhüttenleute rechnen auf Jahrzehnte hinaus mit dem Hochofen und dem Oxygenstahl-Konverter als kostengünstigem Produktionsweg – auch wenn sich gleichzeitig dem Direktreduktionsverfahren unter bestimmten Umständen günstige Chancen eröffnen“, betonte er in seiner Eröffnungsrede.

Wie von Brandi vorhergesagt, leistete der Hochofen Schwelgern 1 fünf Jahrzehnte lang zuverlässige Dienste. Jetzt, 50 Jahre später, ist thyssenkrupp Steel Europe auf dem Weg in eine neue, umweltfreundliche Ära der Stahlerzeugung – und setzt dabei auf die von Brandi erwähnte Direktreduktion.

Trotz des bevorstehenden Abschieds von der Hochofentechnologie wurde „Schwelgern 1“ 2021 für die Zeit der Überbrückung noch einmal auf den neusten Stand der Technik gebracht. Nach dreimonatigem Stillstand und der Investition eines mittleren zweistelligen Millionenbetrags schickte thyssenkrupp Steel den stählernen Koloss im Oktober 2021 mit einem herzlichen „Glückauf“ auf seine sechste und damit wohl letzte „Ofenreise“. Im Rahmen der Transformation zur klimaneutralen Stahlherstellung werden die kohlebasierten Hochöfen durch mit Wasserstoff betriebene Direktreduktionsanlagen abgelöst. thyssenkrupp Steel will den Auftrag für eine erste Anlage in Kürze vergeben. Dann wird auch der „schwarze Riese“ nach seiner letzten Reise in den wohlverdienten „Ruhestand“ gehen.

(Quelle: thyssenkrupp Steel)

Die erste Ofenreise von „Schwelgern 1“ begann am 6. Februar 1973. Seit 2020 emittiert der „schwarze Riese“ dank eines innovativen Verfahrens, bei dem zusätzlich Sauerstoff eingeblasen wird, weniger Kohlendioxid als zuvor. Langfristig werden die kohlebasierten Hochöfen im Rahmen der Transformation zur klimaneutralen Stahlherstellung durch mit Wasserstoff betriebene Direktreduktionsanlagen abgelöst. - Photo: thyssenkrupp Steel
Photo: thyssenkrupp Steel

Schlagworte

AnlagenBundDirektreduktionDuisburgEntstaubungEssenEUGasreinigungHochofenINGInvestitionKlimaKMEKoksKonverterMessePolitikProduktionRoheisenStahlStahlerzeugungStahlherstellungTechnikThyssenthyssenkruppThyssenkrupp Steel EuropeTransformationUmweltUmweltschutzWasserstoffWirtschaft

Verwandte Artikel

V. l. n. r.: Alper Sayin (Qlar Europe GmbH, Technical Sales Manager), Martin Brauer (Qlar Europe GmbH, Head of Sales Minerals & Metals), Markus Abel (tripleS GmbH & Co.KG, Managing Director), Jürgen Wörner (tripleS GmbH & Co.KG, Project Engineer E & A), Ralf Morgenthaler (tripleS GmbH & Co.KG, Managing Director), Stefan Benz (tripleS GmbH & Co.KG, Senior Engineering Project Manager), Frank Thomasberger (Qlar Europe GmbH, Director Agents and Sales Locations)
15.07.2026

Qlar und tripleS bündeln Kompetenzen in der Stahlerzeugung

Sowohl Qlar als auch tripleS sehen technische Innovation als zentrale Wachstumsbasis für die Zukunft.

Entwicklung EU Europa Green Steel Industrie ING Innovation Kooperation Optimierung Partnerschaft Produktion Stahl Stahlerzeugung Stahlherstellung Stahlindustrie Stahlproduktion Stahlwerk Technik Transformation TRIP Unternehmen USA Vertrieb Wettbewerb Wirtschaft Zusammenarbeit
Mehr erfahren
14.07.2026

Ovako-CO₂-Bilanz: minus 59 % seit 2015

Der skandinavische Stahlhersteller Ovako hat seinen Nachhaltigkeitsbericht für das Geschäftsjahr 2025 veröffentlicht

Arbeitssicherheit Award Dekarbonisierung Emissionen Energie Entwicklung Ergebnis EU Geschäftsjahr Gesellschaft Industrie ING Investition Karriere Modernisierung Nachhaltigkeit Partnerschaft Schmelze Schmelzen Schweden Stahl Stahlindustrie Strategie Studie Unternehmen Verkauf Walzwerk Wasserstoff
Mehr erfahren
13.07.2026

Gröditz, Kind & Co., Buderus: Gemeinsam für Hochleistungs-Druckguss

Auf der Die Casting China 2026 in Shanghai präsentieren Schmiedewerke Gröditz, Kind & Co. und Buderus Edelstahl erstmals als Teil der Open-Die Forging Group der GMH Grupp...

Anlagen China Edelstahl EU GMH Industrie ING KI Lieferung Messung Metallurgie Produktion Schmelze Schmelzen Schmieden Shanghai Stahl Stahlherstellung Stahlproduktion Technik Unternehmen Werkstoff
Mehr erfahren
10.07.2026

tk accelis: Neue Marke auf Farnborough Airshow

Neue Identität spiegelt Entwicklung zu Anbieter von Lieferkettenlösungen wider

Entwicklung EU HZ Industrie ING KI Lieferketten Logistik Messe Optimierung Produktion Service Thyssen thyssenkrupp Thyssenkrupp Materials Services Transformation Unternehmen Verteidigung
Mehr erfahren
10.07.2026

Salzgitter AG übernimmt die HKM zu 100 Prozent

Hüttenwerke Krupp Mannesmann werden zu einer 100-prozentigen Tochter der Salzgitter AG

ABB CO2 CO2-Emissionen DSV Duisburg Elektrolichtbogenofen Emissionen Ergebnis Essen EU Gesellschaft HKM Hüttenwerk HZ Industrie ING Investition Lichtbogenofen Lieferung Partnerschaft Produktion Stahl Stahlindustrie Stahlproduktion Strategie Thyssen thyssenkrupp Thyssenkrupp Steel Europe Thyssenkrupp Steel Europe AG Transformation Tube USA Vallourec Vereinbarung Verwaltungsrat Vorstand Wirtschaft Zusammenarbeit
Mehr erfahren